Rätseln Sie mit!
Ein Bild, drei Meinungen und eine Frage: Ist dieses Gemälde ein wertvoller Kunstschatz oder nur eine Fälschung? Begleiten Sie Polizeihauptkommissar Günther Düker zu einem Flohmarkt am Main und rätseln Sie mit: Wer hat recht und wie kann man eine Fälschung erkennen, ohne das Bild überhaupt zu sehen?
Polizeihauptkommissar Günther Düker hatte wieder einmal Wochenenddienst. Er saß am Schreibtisch im 2. Polizeirevier Offenbach und war damit beschäftigt, auszurechnen, wie viele Wochenenden er in seinen 28 Dienstjahren bereits gearbeitet hatte, als die Bürotür aufflog. Seine Kollegin Bettina Blum stürmte herein.
»Günni, auf dem Flohmarkt am Mainufer gibt es Ärger. Drei Leute streiten sich um ein Gemälde, angeblich von einem gewissen Nolde. Keine Ahnung, wer das ist, wir müssen jedenfalls hin!«
Düker nickte. Schon hatte er die Worte »Nolde« und »Maler« in eine Internetsuchmaschine eingegeben. Als erster Treffer tauchte die Homepage des Malerbetriebs Nolde in Bottrop auf, dann der Wikipediaeintrag über einen gewissen Emil Nolde, gestorben 1956, Mitglied der Künstlergruppe »Brücke«. Bettina stand abwartend in der Tür.
Günther Düker nahm seine Uniformjacke von der Stuhllehne und folgte seiner Kollegin. Als sie am Schreibtisch seines Kollegen Thomas Hirzenhain vorbeikamen, sagte Düker: »Thomas, ich fahre mit Bettina zum Flohmarkt, du rufst bitte Hans-Georg an … also Herrn Ruppel, du weißt schon, unseren ehemaligen Stadtarchivar, ich brauch ihn dringend auf dem Flohmarkt. Bis später.«
Sie meldeten sich in der Wache beim Dienstgruppenleiter ab. Bettina hielt den Autoschlüssel hoch. »Signalfahrt?«
Düker nickte. Er hatte zwar keine besondere Lust auf eine rasante Fahrt, aber die aktuelle Lage ließ keine andere Entscheidung zu. Seine Kollegin schaltete das Blaulicht ein, und rauschte die Berliner Straße hinunter. Die Kreuzung mit der Kaiserstraße war voller Autos, kaum ein Durchkommen. Bettina schaltete das Martinshorn ein, alle stoben auseinander, elegant lenkte sie den Streifenwagen hindurch, bog links ab und schoss in Richtung Main. Der Tumult war schon von Weitem zu sehen.
»Platz, bitte machen Sie Platz, Polizei!« Ein Stimmengewirr war die Antwort.
»Ruhe bitte!«, brüllte Düker. Seine sonore Stimme tat ihre Wirkung.
»Wo ist das Bild?«
Ein grauhaariger Mann zeigte auf einen in Papier eingeschlagenen Gegenstand, der vor ihm auf dem Tisch lag. Etwa 50 mal 50 Zentimeter.
»Hier!«, sagte er.
»Sind Sie der Standinhaber und Besitzer dieses Bilds?«
»Ja.«
»Und Sie wollen es verkaufen?«
»Genau. Für 30 Euro, hat ja schließlich einen schönen Rahmen.«
»Wer wollte es denn kaufen?«
Ein Mann, höchstens 30 Jahre alt, in einem hellen Trenchcoat hob die Hand.
»Wegen des schönen Rahmens?«
»Genau«, antwortete der Trenchcoat-Mann.
Bettina Blum nahm die Personalien der beiden Männer auf.
»Und Sie?«, fragte Düker in Richtung einer Frau, die unentwegt auf das verpackte Bild starrte.
»Ich, äh, ich heiße Menzinger, Jutta Menzinger, aus Offenbach-Bürgel.
Ich bin Kunstsammlerin.«
»Und?«, fragte Günther Düker.
»Na ja, ich bekam mit, dass der Herr dort«, sie zeigte auf den grauhaarigen Standinhaber, »dieses Bild verkaufen wollte, für 30 Euro. Sieht aus wie ein echter Nolde. Der gehört doch in ein Museum, ins Städel – zum Beispiel!«
»Und Sie meinen, das Bild ist echt?«
»Sicher. Diese kräftigen Aquarellfarben, seine Signatur mit der Jahreszahl 1928, ein typischer Nolde. Das Bild zeigt seinen Garten am Haus Seebüll, wo er zuletzt wohnte. Mitten hinein hat Nolde 21 strahlend weiße Rosen gemalt, für jedes Friedensjahr zwischen den beiden Weltkriegen eine Rose. Symbolisch, verstehen Sie? Deshalb der Titel ›21 Jahre Frieden‹, steht hinten drauf. Ein wunderschönes Bild. Wollen Sie es sehen?«
»Hallo, Günther!«, ertönte in diesem Moment eine Stimme aus dem Hintergrund.
Düker drehte sich um. »Hans-Georg, gut, dass du kommst!«
Freundschaftlich legte er Hans-Georg Ruppel seine Hand auf die Schulter.
»Ich habe gehört, was die Dame erzählt hat«, sagte Ruppel.
»Wann soll das Bild gemalt worden sein?«
»1928«, antwortete Jutta Menzinger.
»Gut. Dann kann ich Ihnen sofort sagen, dass es sich um eine Fälschung handelt.«
Frau Menzinger blieb der Mund offenstehen.
»Das sagen Sie einfach so, ohne das Bild überhaupt gesehen zu haben?«
»Richtig«, antwortete Ruppel. Und leise raunte er Düker zu: »Das war ja einfach, hättest du eigentlich selbst herausfinden können!«
Günther Düker sah seinen Freund Ruppel an, als sei dieser ein Außerirdischer.
Nun die Frage:
Wie kommt Hans-Georg Ruppel darauf, dass es sich um eine Fälschung handelt, ohne das Bild gesehen zu haben? Die Lösung gibt es ganz unten auf dieser Seite
Über das Buch
Düker ermittelt in Offenbach – 30 Rätsel-Krimis, Taschenbuch, 192 Seiten, ISBN 978-3-8392-1971-3, erschienen im Gmeiner Verlag, Bestellung über den Verlag möglich
Über den Autor Bernd Köstering
Bernd Köstering wurde 1954 in Weimer/Thüringen geboren und wuchs in Hessen auf. Nach dem Abitur und der Bundeswehrzeit folgte ein Ingenieurstudium der Medizintechnik. Köstering wohnt in Offenbach am Main, ist verheiratet, hat zwei Töchter und vier Enkelkinder. Seit April 2018 widmet er sich vorwiegend seiner Familie und den Kriminalromanen.
Rechtliche Anmerkungen: Alle Rechte an diesem Text liegen bei Bernd Köstering, Beethovenstraße 44, 63069 Offenbach. Die BringLiesel GmbH erhält das Recht, diesen Text einmalig in ihrem Kundenmagazin abzudrucken. Änderungen am Text nur nach Rücksprache mit dem Autor. Voraussetzung ist die parallele Veröffentlichung der aktuellen Vita des Autors sowie des Buchcovers „Die Witwen von Weimar“ mit den zugehörigen Verlagsdaten.
Lösung:
Emil Nolde konnte 1928 noch nicht gewusst haben, dass 1939 der zweite Weltkrieg ausbrechen würde, somit genau 21 Jahre Frieden herrschte. Die sonstigen Fakten, die Frau Menzinger über Emil Nolde berichtete, sind alle korrekt.
Diese Geschichte und weitere Artikel finden Sie in unserem aktuellen BringLiesel-Katalog.