Marc Urban kam aus der hochdigitalisierten Automobilindustrie in die Pflege – und blieb. Heute gestaltet er als Leiter IT und Prokurist beim Senioren-Park carpe diem die digitale Transformation mit. Im Interview erklärt er, warum Technik vom Pflegealltag und den Menschen aus gedacht werden muss.
1. Warum sind Sie 2011 aus der Automobilindustrie in die Pflege gewechselt und was fasziniert Sie bis heute an der Pflege?
Die Autobranche steckte damals wie heute in der Krise. Ich orientierte mich um und landete in der Pflege. Nicht ganz freiwillig, sondern mit sanftem väterlichem Nachdruck. Details erzähle ich gerne bei einem Kaffee. 😉
Es war ein Kulturschock: Von hochdigitalisiert zu IT mit Handbremse. Dann kam die Altenpflegemesse 2007. Dort seien Innovationen spürbar. Vor Ort elektrische Betten, Schwesternrufe mit Klingeltechnik aus den 90ern und Nesteldecken. Das Digitalste war das Parkleitsystem im Parkhaus. Aber meine Zweifel wandelten sich in Motivation: Ich erkannte die „grüne Wiese“ auf der unsere Branche IT-technisch stand. Und ich hatte eine Geschäftsführung, die Digitalisierung als Teil der Prozessoptimierung verstand und mir großes Vertrauen schenkte. Der Rest ist Geschichte. 15 Jahre später sehe ich es als eine der besten Entscheidungen meines Lebens und inzwischen freue ich mich auf die Altenpflegemesse.
2. Sie empfehlen, IT von der Pflege aus zu denken. Was bedeutet das für die digitale Transformation bei carpe diem?
Da gehe ich mit Steve Jobs: Bevor wir anfangen, Lösungen zu entwickeln, müssen wir auf den Nutzer hören. Nur wenn wir die Realität kennen und das Benutzererlebnis verstehen, kann uns Technik unterstützen. Als Werkzeug, nicht als Selbstzweck. Gemeinsam mit den Pflegeteams in unseren Senioren-Parks filtern wir heraus, wo Technik hilft und wo sie stört und entwickeln Lösungen, die im Wohnbereich funktionieren, nicht bloß im Prozessdiagramm.
3. Was muss eine digitale Lösung mitbringen, damit sie im Pflegealltag ankommt?
Sie darf nicht als digitale Lösung wahrgenommen werden. Sie muss sich nahtlos in den Alltag einfügen und intuitiv verstanden werden. Ohne aufwendige Schulung. Ohne dass ich meinen Arbeitsalltag auf die Lösung anpasse.
4. Digitale Transformationsprozesse sind herausfordernd. Wie gestalten Sie Veränderungen, damit Mitarbeitende sie mittragen?
Digitalisierung bedeutet Transformation und die Änderung von Routinen. Der Bruch mit Gewohnheiten bringt temporäre Unsicherheit im Alltag. Diesen Wandel mussten wir selbst erst verstehen und lernen zu begleiten, aber auch auszuhalten. Denn Veränderung ist selten bequem oder gelingt beim ersten Aufschlag. Das vielzitierte „Wir müssen alle mitnehmen“ klingt sympathisch, ist aber realitätsfern. Es wird immer einen Teil geben, der blockiert. Das ist okay. Unsere Energie gehört denen, die kontstruktiv gestalten wollen. Nicht den ewigen Nein-Sagern.
5. Viele beruflich Pflegende fühlen sich von Technik überfordert. Wie kommunizieren Sie komplexe Anwendungen, damit sie verständlich und praxisrelevant werden?
Super Frage. Zum einen isolieren wir die Nutzer von der Technik. Niemand soll sich Gedanken um WLAN, Kennwörter oder Datensynchronisierung machen. Das ist unser Job im Hintergrund. Zum anderen, in dem wir Anwendungen die Komplexität nehmen. Wir erleben aktuell eine Zeitenwende: Wir kennen gut designte Apps aus dem Privatumfeld und erwarten diese nun auch im beruflichen Kontext. Immer mehr Unternehmen erkennen den Trend und optimieren ihre Apps. Apps, die in der Bedienung Spaß machen, sind für uns kein Nice-to-have sondern Pflicht.
6. Zwischen Technik und Mensch entsteht häufig eine Lücke. Wie reflektieren Sie Themen wie Ethik und veränderte Arbeitswelten?
Darüber habe ich mich mit meinem Vater ausgetauscht. Er ist über 80 und was den Schutz seiner Daten angeht sehr kritisch. Ich schilderte ihm einige Herausforderungen vor denen wir stehen. Ich erwartete eine konservative Rückmeldung von ihm, aber er überraschte mich: „Das ist doch irre. Manchmal habe ich den Eindruck, ihr verliert euch in Ethik-Diskussionen. Wenn es eine Technologie gibt, die mir in meinen restlichen Tagen mehr hilft als schadet, dann erwarte ich, dass ihr sie auch nutzt.“ Das ist sicher keine pauschale Antwort auf jede Anwendung. Aber so ganz unrecht hat er nicht, oder?
7. Wie sieht die Pflege in Bezug auf Technik 2035 aus?
So weit möchte ich nicht vorausdenken. Für unsere Branche sind die nächsten fünf Jahre entscheidend. Bis 2030 sind bürokratische Prozesse automatisiert, KI unterstützt bei Routineaufgaben, Planung und Risikoerkennung. Roboter entlasten körperlich, Zimmersensorik ersetzt die Rufanlage, Kommunikation läuft vollständig digital und das Fax ist endlich Geschichte. Das Ergebnis: ein Arbeitsumfeld, das sich an unseren Personalressourcen orientiert und trotzdem Qualität gewinnt. Denn die Fachkräfte haben Zeit gewonnen für das, worum es geht: medizinische Sicherheit und menschliche Zuwendung.
Und politisch hat sich durchgesetzt: Pflege braucht professionelle IT um zukunftsfähig zu bleiben! Und das muss verlässlich refinanziert werden. Let’s go 😉
Über Marc Urban
Marc Urban ist ausgebildeter Informatiker (ITA) und sammelte Berufserfahrung in der Automobilindustrie, bevor er 2011 in die Pflegebranche wechselte. Er leitet die IT bei der carpe diem GBS mbH mit Fokus auf Digitalisierung und Prozessoptimierung. Seit 2024 treibt er als Prokurist mit seinem Team maßgeblich die digitale Transformation des Unternehmens voran.
Das ganze Interview gibt es auch im neuen BringLiesel-Katalog.